Montag, 23. November 2009

Zwischenbericht nach 3 Monaten
-für meine Organisation und das BMZ-

Die ersten 3 Monate meines Freiwilligen Sozialen Jahres hier in Accra, Ghana, neigen sich dem Ende zu. Wer hätte gedacht, dass ein viertel Jahr in einer völlig neuen und Anfangs ungewohnten Situation so schnell vorbei gehen könnte? Bevor ich mein Auslandsjahr hier auf dem fernen Kontinent angetreten habe, hatte ich mir oftmals ausgemalt, wie schrecklich mich die Sehnsucht nach zu Hause quälen würde, doch überraschenderweise kann ich nun sagen: Heimweh? Was ist das? Ich bin glücklich hier und angekommen. Angekommen in meinem zur Realität gewordenen Traum!

Nachdem mein Projekt dreimal gewechselt hat, bin ich nun im OSU Childrens Home in der Hauptstadt Accra gelandet. Das Kinderheim ist das größte Ghanas und beherbergt um die 200 bis 250 Kinder. Das Gelände ist in verschiedene Häuser aufgeteilt: Babyhaus, alle von 3 bis 6 Jahre, Mädchen von 6 bis 20 Jahre und Jungs von 6 bis 20 Jahre. In Letzterem arbeite ich. Doch bevor ich von meiner Arbeit speziell berichte, möchte ich eine kleine Zusammenfassung von Beginn an geben.
Ich wohne in einem kleinen, sehr schönen Haus zusammen mit vier anderen Freiwilligen nicht weit von dem Projekt entfernt. Die Nachbarschaft ist sehr schön und sicher, das Internetcafe nicht weit entfernt. Mit den Mädels verstehe ich mich sehr gut, glücklicherweise leben wir sehr harmonisch miteinander und ich kann hierbei von allem anderen als einer Zweckgemeinschaft sprechen. Diese Lebensumstände haben mir durchaus den Einstieg in mein „neues Leben“ erleichtert.

Als wir an unserem ersten Arbeitstag im Projekt gemeinsam zum Büro des Kinderheimes gegangen sind, wurden wir jedoch leider weniger herzlich willkommen geheißen als wir erwartet und uns erhofft hatten. Stundenlanges Warten vor dem Büro, um am Ende des Tages zu erfahren, dass wir zu aller erst einen Brief der Organisation brauchen, war unser Willkommensgeschenk. Man gab uns das Gefühl, nicht willkommen zu sein und auch nicht unbedingt gebraucht zu werde. Gewiss nicht das, was man erwartet, wenn man irgendwohin kommt um ohne Profit zu arbeiten. Nach einigen Tagen endlosen Wartens konnten wir dann doch schließlich anfangen zu arbeiten und uns auch glücklicherweise aussuchen, in welchem der verschiedenen Häuser wir arbeiten möchten. Dieser Aspekt war sehr positiv. Die verschiedenen „Tanten“, die in den Häusern arbeiten, heißen die neuen Freiwilligen nicht wirklich Willkommen, sind jedoch auch nicht vollkommen unfreundlich zu einem. Sie erwarten oftmals nichts von den Freiwilligen, haben die Vorstellung, dass alle Weißen (oder auch nur die Freiwilligen) unfähig sind zu arbeiten. Es braucht einige Zeit, bis man sich ihnen gegenüber behaupten kann und man muss immer wieder durch Eigeninitiative beweisen, dass man durchaus hier her gekommen ist, um zu helfen. Zu erst verstand ich die Einstellung der Tanten mir gegenüber nicht, konnte nicht begreifen, warum sie die Freiwilligen für so faul und unfähig halten. Doch nach einiger Zeit und vielen Beobachtungen, kann ich sie verstehen. Das OSU Childrens Home beherbergt durchschnittlich 10 bis 15 Freiwillige insgesamt. Die Meisten davon bleiben bloß für wenige Wochen oder höchstens 6 Monate. Anna (ebenfalls deutsche Freiwillige in dem Projekt, sie wohnt auch mit mir) und ich sind die Einzigen dort, die für ein ganzes Jahr dort arbeiten. Die Tanten haben demnach ständig wechselnde Gesichter um sich und kaum Zeit, um sich an sie zu gewöhnen oder die Freiwilligen einzuarbeiten. Daher ihre negative Einstellung gegenüber den Freiwilligen. Ich persönliche heiße die hohe Anzahl der Freiwilligen in dem Projekt auch nicht für gut. Erstens könnten andere Projekte viel dringender Freiwillige gebrauchen und zweitens ist der ständige Wechsel der Freiwilligen dort wohl auch nicht unbedingt ein Vorteil für die ohnehin schon bindungslosen Kinder.

Meine Arbeit im Jungshaus beinhaltet unter anderem, dass ich die Kleineren bade, mich um die Jungs mit körperlicher oder geistiger Einschränkung kümmere, Essen austeile, den Jungs beim Wäsche waschen und Hausaufgaben machen helfe und einfach nur für sie da bin oder mit ihnen spiele. Meistens arbeite ich nachmittags, da dort die meiste Arbeit zu tun ist (wenn die Jungs aus der Schule kommen). Zurzeit bin ich dabei, einen Ausflug an den Strand mit ihnen zu planen. Es ist jedoch nicht sehr einfach den Kindern in diesem Projekt eine Freude zu machen, da vieles von dem Freiwilligen vorausgesetzt wird (trotz vieler Spenden von Außerhalb steht kein Geld für Ausflüge etc. zur Verfügung). Ehrlich gesagt bin ich etwas davon enttäuscht, dass ich in einem Projekt arbeite, wo meine Arbeitskraft nicht vollends genutzt wird und die Kinder schon alles Erdenkliche haben. Andere Projekte haben keine Freiwilligen und könnten ganz sicher gut einen gebrauchen. Es gibt viele Dinge, die geändert werden müssten. Die Arbeit mit den Kindern ist jedoch trotz Allem schön und ich habe jeden Einzelnen der Jungs bereits jetzt sehr in mein Herz geschlossen.
Abgesehen von den Problemen, die es im Projekt gibt, hat sich Ghana für mich als ein sehr schönes Land herausgestellt. Wenn man hier als Freiwilliger her kommt hat man viele Möglichkeiten und kann sich mit seinem, von Deutschland aus gesehen geringen, Taschengeld vieles leisten. Bevor ich persönlich nach Ghana kam, hatte ich stets das Bild der völlig verarmten Afrikaner aus den Medien im Kopf. Vieles, was man im Fernsehen über das Land gesehen hat, war negativ belastet. Doch wie ich es nun selbst erlebe, geht es der Bevölkerung hier recht gut. Das Land ist sehr friedlich und sicher. Ich hätte auch nicht damit gerechnet, so viele Freiwillige, besonders Deutsche, hier anzutreffen.
Wie ich finde, wird in den Medien in Europa das Bild von Afrika oder eben speziell auch Ghana völlig überspitzt dargestellt. Die Menschen leben hier natürlich weniger luxuriös als in Europa, doch ist das Alles nicht eine Frage der Betrachtung? Wenn alle Einwohner eines Dorfes ohne Strom leben, dann ist das der „Normalzustand“ für alle, niemand wird benachteiligt oder bevorzugt. Man lernt sich mit der Zeit anzupassen und sich zu integrieren. Wie ich hier immer wieder feststelle, besteht Ghana nicht aus großen Ereignissen, sondern aus vielen Kleinigkeiten. Alleine schon die Fahrt mit dem Trotro (Minibusse als Transportmöglichkeit) ist so interessant und vielfältig. Hier muss man lernen, die kleinen Dinge des Lebens sehen und schätzen zu lernen.

Die Vorbereitungsseminare in Deutschland betrachte ich rückblickend als hilfreich. Uns wurde schon vorher erzählt und deutlich gemacht, dass in unserem zukünftigen Gastland andere Sitten und kulturelle Gegebenheiten herrschen. Auf diese Weise kamen wir nicht völlig ahnungslos hier her und konnten uns schon vorher auf das Land vorbereiten. Doch noch viel hilfreicher als die Seminare in Deutschland, fand ich das Arrival-Camp hier in Ghana. So konnte man alle anderen Freiwilligen, die genau wie man selbst entschieden hatten nach Ghana zu kommen, kennen zu lernen. Dieser Kontaktaufbau war für mich sehr wichtig. Ebenfalls fand ich den Sprachkurs sehr hilfreich. Ohne diesen wäre mein Wille, die einheimische Sprache (Twi) zu lernen, wohl kaum so groß gewesen. Da Ghana ein Englischsprachiges Land ist, muss man nicht unbedingt Twi lernen, doch hilft es einem erheblich weiter. Es ist nur schade, dass dieser Kurs nur eine Woche lang war und man nun aus eigener Kraft die sprachlichen Fähigkeiten verbessern und erweitern muss. Auch war es gut, dass man in dem Camp an das andere Essen und die Ghanaische Schärfe der Speisen heran geführt wurde.
Abschließend kann ich sagen, dass mich das erste Vierteljahr hier in Ghana sehr glücklich gemacht hat. Den Mut, den man anfänglich aufbringen muss um den Schritt zu wagen und zu sagen: Ich möchte ein Jahr lang ins Ausland gehen und alles Gewohnte hinter mir lassen, steht ohne Frage in Relation zu der Freude, die man hinter her empfindet, wenn man erst einmal hier angekommen ist.