
Die Lebenszeichen aus Ghana sind karg, doch trotzdem braucht ihr euch keine Sorgen machen! Mir geht es nach wie vor sehr gut. Vor einiger Zeit haben wir Fertigsuppen zum aufkochen gefunden. Mit solch einer sitze ich jetzt gerade vor meinem Laptop und schreibe euch eine kleine Episode meines Ghanaischen Lebens auf. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie lecker diese Brühe schmeckt! Einfach alles aus Europa wird hier zu etwas so Besonderem. Ist eine echt schöne Erfahrung. Wenn ich mir vorstelle, wie es erst einmal seien wird, wenn ich mein erstes salziges Brötchen und Mischbrot essen werde wenn ich zurück komme…lieber nicht dran denken. Entschuldigt bitte, da hat mich meine Fantasie mal wieder vom Thema abkommen lassen. Doch nun zurück zu meinem Bericht der letzten Zeit!
Die Weihnachtszeit liegt nun schon etwas länger zurück, doch trotzdem möchte ich euch davon erzählen, wie ich hier Weihnachten verbracht habe.
Während meine Lieben Daheim im fernen Deutschland ihr Weihnachten durch Adventssonntage, Adventskalender, Weihnachtsgebäck, kuschelige Kaminabende und reichlich Schnee (der leider nie kam, wenn ich im Lande war) eingeläutet haben, habe ich hier von all dem GAR NICHTS mitbekommen! Weihnachten??? Eine ferne Fiktion des Westens, unterstützt und hoch gepuscht durch den dort herrschenden Kommerz und übermäßigen Konsum. So zumindest, kam mir das Ganze dieses Jahr vor. Sobald das Wetter so ganz vom Winter abweicht, geht einem hier jegliche Weihnachtsstimmung verloren.
Ich hatte gehofft, hier einige besondere Traditionen beobachten zu können, doch in dieser Hinsicht scheinen die Ghanaer wohl eher fantasielos zu sein. Keine Vorbereitung durch besonderes Essen, keine besonderen Feiertage, keine Geschenke. An dieser Stelle muss ich ihnen natürlich einräumen, dass sie hier einige Weihnachtsbeleuchtung, die ziemlich aufdringlich und bunt daher kam, in den großen Geschäften auf der „Touristenstraße“ Oxford Street hatten. Also doch nicht gar nichts. Auch im Kinderheim hatten die Jungs ab und zu mal ein paar kleine Feuerwerkskörper die sie unter großer Freude durch die Gegend geworfen haben.
Da Ghana eine Britische Kolonie ist, wird hier Weihnachten auch erst am 25. Dezember gefeiert. Anna und ich hatten jedoch beschlossen, unser eigenes Europäisches Weihnachten bereits am 24. Dezember zu feiern. Einem glücklichen Umstand konnten wir es dann auch verdanken, dass Freunde von Annas Eltern kurz vor Weihnachten nach Accra geflogen sind und somit einen ganzen kleinen Koffer voll mit Leckereien für Anna aus Deutschland mitgebracht haben. Zusammen sind wir beide zum Flughafen und haben sehnsüchtig auf den wertvollen Koffer gewartet. Als wir das gute Stück hatten, haben wir im Taxi nach Hause auch gleich mal ein paar Lebkuchen aufgerissen und während der gerade mal rund 15 Minuten Fahrt auch gleich halb aufgefuttert. Auch haben wir vor lauter Freude großzügig mit dem Taxifahrer geteilt, welcher die Deutschen Spezialitäten langsam und genüsslich gegessen hat. Diese kurze Fahrt im Taxi war für mich schon das halbe Weihnachten – wirklich schön! Zurück Daheim haben wir gleich den Tisch mit der Sternchentischdecke und der Duftkerze von Annas Mutti dekoriert (die Frau hatte wirklich an alles gedacht!) und uns einen Weihnachtstee aufgebrüht. Außerdem hatten ihre Eltern auch noch Jakobskrönung mit Filter und NUTELLA! mitgeschickt – wie hätte es besser sein können?!! Das waren nun unsere Weihnachtshighlights. Sicher nicht ganz dem entsprechend, was ihr so zu Hause hattet, aber immerhin großartig für uns. Außerdem habe ich mir selbst zwei Weihnachtsgeschenke gemacht. Ich habe mir unter langem Handeln und Herumfahren, ein Fahrrad gekauft! Das ist das erste Geschenk. Es ist pink, gebraucht und hat ein Körbchen vorne dran. Nicht ganz meiner Persönlichkeit entsprechend, aber ich war ja schon immer ein Freund des Außergewöhnlichen und immerhin kann ich sagen, dass das keiner hat. Jetzt schauen alle Leute wenn der Obroni auf dem Fahrrad durch die Gegend saust und Spaß hat. Oft wollen Leute mal kurz fahren und wenn ich es unangeschlossen vor meiner Lieblingsbar stehen lasse um meine Barkeeper Gameli und Francis zu besuchen, dann kommt es schon öfter vor, dass es sich der ein oder andere ausborgt. Aus diesen Gründen habe ich nun auch schnellst möglich in ein Fahrradschloss investiert. Man kann ja nie wissen. Hier haben Fahrräder einen ganz anderen, viel höheren Wert, als bei uns zu Hause. Nun kann ich jeden Tag mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren und komme so nun auch endlich mal (wird ja auch Zeit) zu etwas Sport.
Mein zweites Geschenk von mir für mich, war ein Trip in den Norden Ghanas. Ich hatte mich bewusst dafür entschieden, alleine zu reisen, da ich nicht immer einen endlosen Schwanz von Leuten hinter mir her schleifen möchte und ungebunden sein wollte. Hier in Ghana ist das auch gar nicht so gefährlich. Womit ich nun auch zum Hauptteil meines Berichtes komme.
Angefangen hatte ich meinen Trip am 26. Dezember, einen Tag nach Weihnachten. Natürlich habe ich erst am späten Abend davor meinen Trekking-Rucksack gepackt und war etwas knülle, als mein Wecker mich früh am nächsten Morgen geweckt hat. Bei der Busstation hatte ich großes Glück. Als ich dort ankam war der Bus nach Kumasi schon so gut wie voll und nach nur einer dreiviertel Stunde konnten wir schon in Richtung Abenteuer aufbrechen. Meine erste Station sollte Bonwire sein. Das Dörfchen, wo mein Ghanaischer Freund Philip wohnt, welchen ich bereits 3 Monate zuvor besucht hatte (davon hatte ich euch auch berichtet). Als ich dort ankam, fragte mich jeder nach einem Weihnachtgeschenk. Eigentlich hatte ich auf dem Weg einen Kuchen für Philips Familie kaufen wollen, diesen Vorsatz jedoch auf Grund des Reisestress wieder vergessen. Es war mir so peinlich, dass ich nichts für sie mitgebracht habe. Später habe ich dann doch noch einige Biskuite im Dorf gekauft, worüber sie sich auch sichtlich gefreut haben. Philips Mutter und die Familie haben auch extra für mich Fufuo zubereitet. An Weihnachten wird überall in Ghana Fufuo gegessen. An diesem Tag bin ich sogar in den Genuss einer ganz selten zubereiteten Suppe gekommen, die es nur zu Weihnachten gibt. Man, war die lecker!
Bei meinem letzten Besuch in Bonwire hatte ich ja auch schon Philips Freundin Kate kennen gelernt, bei welcher ich jetzt auch einige Zeit verbracht habe. Jedoch ohne Philip, da Kates Mutter keine männlichen Freunde ihrer Töchter im Haus wünscht. Die Familie ist sehr gesittet und gut angesehen. Kate geht auch immer zur Kirche (ca. 3 Mal die Woche) und geht nie abends aus (sie ist 16 Jahre alt). Mit ihr zusammen habe ich dann auch Light Soup gekocht und endlich habe ich mal gesehen, wie die Suppe zubereitet wird. Am Abend sollte es Fufuo mit Light Soup und Buschfleisch geben. Es war übrigens das erste Mal, dass ich Buschfleisch gegessen habe. Vorher hatte ich mich da nie so ran getraut, da es gekocht so grünlich aussieht. Aber es war überraschend lecker und hat mich stark an Hünchen erinnert. Wir haben mit den Vorbereitungen für das Essen schon am späten Vormittag angefangen und erst am späten Nachmittag war das Essen fertig. Das Ghanaische Essen ist so unglaublich gut, braucht aber Ewigkeiten für die Zubereitung. In Ghana geht man kaum aus dem Haus. Man verbringt die meiste Zeit mit Kochen, irgendetwas verkaufen und schlafen. Eben sehr abwechslungsreich…
Tagsüber hat man überall schöne Gewänder gesehen und vor Allem die Kinder waren besonders angezogen. Zu Weihnachten gibt es nämlich neue und besonders schöne Kleider für die Kinder. Ghana ist jedoch etwas kitschig veranlagt, was dazu führt, dass die Kinder außerdem verrückte Frisuren mit buntem Haarschmuck und Sonnenbrillen tragen. Das ist eine Weihnachtstradition, die mir aufgefallen ist. Abends war dann auch ganz groß Party im Dorf Club für die Jugendlichen angesagt. An diesem Abend konnte ich sogar Kate überreden, mit uns dort hin zu gehen und mit uns zu tanzen. Am Ende des Abends war Kate dann nach einer geringen Menge Alkohol auch betrunken und sie musste bei Philip und mir schlafen, damit ihre Mutter davon nichts mitbekommt. Am nächsten Tag wollte ich eigentlich schon früh aufbrechen um nach Wa (größere Stadt im Nord-Westen Ghanas) zu fahren und dort meinen Schwedischen Fake Bruder Marcus treffen. Aber natürlich vergingen erst einmal Stunden bevor ich mich von jedem verabschiedet hatte und endlich nach Kumasi aufbrechen konnte um von dort einen Bus nach Wa zu nehmen. Nach der einstündigen Fahrt im Trotro über holprige Straßen nach Kumasi, kam ich endlich bei der Busstation an um dann zu erfahren, dass heute kein Bus mehr nach Wa fährt. Doch anstatt mir eine Unterkunft zu suchen und auf den nächsten Morgen zu warten, habe ich einfach gefragt, wohin denn der nächste Bus fährt und mich kurzer Hand in einen Tamale (große Stadt im Norden Ghanas) Bus gesetzt. Nur zu blöd, dass ich auf Anraten Philips an ein Busunternehmen gekommen war, welche die schäbigsten Busse überhaupt haben. Keine Klimaanlage und die hat man schon gerne mal bei einer 7-stündigen Reise durch Ghana, super wenig Platz, total überfüllt weil es der billigste Bus ist und man sitzt in einer Dreierreihe mit Sitzen so unbequem wie nur möglich. Naja, was soll’s! Als ich in den Bus kam war dieser schon ziemlich voll und ich hatte Mühe einen Platz zu finden. Nur zu gut, dass mir gleich eine Gruppe Halbwüchsiger Jungs aus dem hintersten Teil des Busses zuriefen und mir freudig einen Platz neben sich anboten. Das konnte ja was werden… Die Fahrt war dann aber doch gar nicht so schlimm wie es auf Grund der Voraussetzungen hätte werden müssen. Die Jungs neben mir haben sich die ganze Zeit in Twi und Dagbani (Sprache aus Tamale) unterhalten und mich auch gar nicht weiter gestört. Am Ende der Reise haben sie mich dann aus Spaß auf Twi gefragt wie es mir geht und ich habe ihnen mit einem etwas komplizierteren Satz geantwortet. Als sie mich noch ein paar andere Sachen gefragt haben und ich ebenfalls darauf antworten konnte, haben sie alle samt ganz schön geguckt. Mein Sitznachbar war auf einmal ganz beschämt und meinte, dass ich ja nur vorgetäuscht hätte, dass ich sie nicht verstehe um sie über mich reden zu lassen. So bedrückt wie der auf einmal war, müssen sie wirklich einiges über mich gesagt haben. Natürlich habe ich davon nichts verstanden, aber sie dachten doch wirklich, dass ich ihnen nur was vorgemacht habe. Das war schon irgendwie witzig. Man sollte sein Gegenüber eben nie nach dem Aussehen (in meinem Fall eben weiß) beurteilen. Man kann nie wissen, ob der andere dann nicht doch überraschenderweise auch die Sprache spricht oder versteht.
In Tamale angekommen, wurde ich dann von einem Freund von Annas Freund abgeholt, dieser hat mich dann auch während meines Aufenthalts dort beherbergt. Natürlich hat auch gleich jeder von mir erwartet, dass ich nach wenigen Minuten Aufenthalt in Tamale die dortige Sprache Dagbani spreche. Damit konnte ich leider nicht dienen. Wie auch? Aber wie überall, wo ich in Ghana hinkomme, habe ich sogleich einmal die wichtigsten Wörter und Phrasen gelernt. Die ganzen verschiedenen Sprachen verwirren mich langsam.
Idris, der Freund, hat mich in den folgenden Tagen viel durch die Stadt geführt. Fast jeden Tag war ich auf dem Markt und bin überall stehen geblieben, wo es etwas gab, dass ich nicht kannte und habe mir alles erklären lassen. Im Norden Ghanas ist alles noch so traditionell und kulturell. Ganz anders als in Accra, findet man dort wirklich Afrikanische Dinge wie Tierfelle und –knochen um Medizin und Zauber herzustellen. Bei dieser Gelegenheit habe ich auch viele Gewürze, einheimische Seife und Früchte gekauft. Auch schöne Leder Slipper für wenig Geld und Taschen aus wunderschönen Stoffen, habe ich mir dort zugelegt. Schließlich ist es hier in Ghana üblich, dass wenn man weg fährt, immer etwas für die Daheim gebliebenen mitbringt. Als ich zurück in Accra gesehen habe, wie sich meine Ghanaischen Freunde über die Gewürze und Früchte aus dem Norden gefreut haben, hatte sich die ganze Schlepperei den weiten Weg über auch gelohnt. Viele, die in Accra leben, kommen aus dem Norden, sind schon lange nicht mehr dort gewesen und freuen sich umso mehr, wenn sie mal wieder etwas aus ihrer Heimat sehen oder essen.
In Tamale hört man auch kaum jemanden „Obroni“ auf den Straßen rufen und keiner belästigt dich aufs Äußerste nur auf Grund deiner Hautfarbe. Man kann ganz in Ruhe auf dem Markt einkaufen ohne von allen Seiten angefasst, gezogen und bedrängt zu werden. Tamale hat mir seit langer Zeit wieder einmal das Gefühl gegeben, dass ich ein ganz normaler Mensch und kein Alien bin. Alle diese kleinen Dinge haben mir Tamale und generell den Norden sehr ans Herz wachsen lassen.
Der Verkehr in Tamale ist auch viel geordneter, es gibt sogar breite, feste Bürgersteige, auf denen nicht annähernd so viele Menschen wie in Accra unterwegs sind und die zahlreichen Fahrradfahrer fahren. Generell sieht man in Tamale so viele Fahrräder und Motorräder. Zusammen mit Idris Bruder habe ich auch per Fahrrad die Stadt erkundet und mir das Stadion und den Pool von Tamale (ganz kleiner Pool, der dort in all der Hitze die totale Sensation ist) angeschaut. Übrigens ist das Wetter im Norden ganz anders als im Süden Ghanas. Die Sonne brennt heiß vom Himmel und die Luft ist sehr staubig. Und trotzdem bevorzuge ich das dortige Wetter um einiges mehr, als hier bei uns in Accra. In Accra scheint die Sonne zwar nicht so heiß, aber die Luft ist unglaublich schwül und man schwitzt immer am ganzen Körper. Accra die Sauna. Im Norden war es eben nur heiß, ohne Schwüle. Außerdem wird es dort nachts so kalt, dass man lange Hosen, dicke Pullover und Turnschuhe anziehen muss. Das war für mich total ungewohnt, denn in Accra schwitzt man auch nachts noch (und dann hat man noch nicht einmal einen Deckenventilator im Zimmer, wie fast jeder Ghanaer ihn hat!).
Kurz vor Neujahr hatte ich mir fast überlegt, wieder zurück nach Accra zu fahren um Silvester mit meinen Mädels zu verbringen. Das hätte ich dann jedoch für Geldverschwendung gehalten (die Fahrt von Tamale nach Accra ist mit 20 Cedi (10 Euro) nämlich verhältnismäßig teuer). An Silvester habe ich dann schließlich auch noch ein paar andere Freiwillige aus Groß Britannien und Kanada kennen gelernt. Zusammen haben wir das neue Jahr in einer Bar eingeläutet, die um 0.30 Uhr dann auch schließen wollte, da der Barkeeper müde und sowieso auch kaum noch einer auf der Straße war. Genauso wie Weihnachten, habe ich also auch Silvester so unspektakulär gefeiert, wie wohl noch nie zuvor in meinem Leben. Auch habe ich nur eine kleine Rakete am Himmel sichten können. Später am Abend sind wir noch in den örtlichen Club gegangen und haben dort bis um 4 Uhr morgens getanzt. Mein diesjähriges Silvester war zwar nicht ganz so pompös, aber doch sehr schön. Leider hatte ich um einen Tag das Feuerfest am 27. Dezember verpasst. Im Norden Ghanas leben überwiegend Moslems und für die beginnt das neue Jahr wohl schon am 27. Dezember. Durch mein eher ungeplantes Reiseprogramm hatte ich dieses traditionelle Ereignis jedoch leider verpasst.
Am ersten Tag des neuen Jahres habe ich mich dann auch schon auf den Weg nach Mole zum Nationalpark gemacht. Enttäuschender Weise musste ich mittlerweile feststellen, dass Ghana kaum irgendwelche typischen Afrikanischen Tiere zu bieten hat. Nicht einmal ein paar Äffchen laufen hier herum.
Auf dem 4-stündigen Weg dort hin, habe ich zwei Ghanaische Stundenten aus Tamale kennen gelernt. Die Beiden, Salis und Rafiq, waren ebenfalls auf dem Weg nach Mole, um dort ihren Freund zu besuchen, welcher dort im Hotel arbeitet. Während der ganzen Fahrt über haben wir uns so gut unterhalten, dass sie mir letztendlich angeboten haben, mit ihnen zu kommen und dort ebenfalls bei ihrem Freund zu schlafen. Zugegebener Maßen war es nicht ganz ungefährlich mit ihnen zu gehen, aber andererseits wollte ich während meiner Reise so viel wie nur irgend möglich von Land und Leute mitbekommen und meine Zeit nicht nur in Hotels und mit anderen Weißen verbringen. Wenn ich Europäer um mich herum haben will, komme ich zurück nach Deutschland!
Ich habe dort zusammen mit meinen neuen Bekannten in der Gemeinde der Nationalparkangestellten geschlafen. Die Leute leben dort sozusagen im Nationalpark in einer Art kleinem Dorf und werden öfter mal von Warzenschweinen und Affen Heim gesucht. Am nächsten Morgen habe ich mich früh aufgemacht um die erste Tour durch den Park mitzumachen. Auf meinem dreistündigen Fußmarsch durch einen kleinen Teil des Parks, habe ich verhältnismäßig wenig zu Gesicht bekommen. Am Ende bestand meine Bilanz aus einem Elefanten, vielen Warzenschweinen und Affen, ein paar Krokodilaugen im Wasserloch, Antilopen und vielen bissigen Ameisen, die mich zum Glück nicht erwischt haben. Enttäuscht war ich darüber jedoch eher weniger, hatte ich doch meine geliebten Affen endlich gesehen!
Nach der Tour hat mich der Cousin eines Freundes aus meiner Nachbarschaft in Labadi, mit welchem ich zuvor schon einmal auf einem Konzert in Accra (Samini, sehr bekannter Reggae Interpret aus Ghana) gewesen war, mit einem Scooter abgeholt um mit mir ins nächst gelegene Dorf zu fahren. Diese Art von Motorrad ist mir zwar nicht gar so lieb wie zum Beispiel eine Enduro, aber man nimmt ja was man kriegen kann. So kam ich also auch noch dazu, ein wenig Moped zu fahren. Endlich! Der besagte Bekannte lebt in dem Nachbardorf Larabanga und hat mich Tourguide mäßig zu der uralten Moschee und dem Mystischen Stein im Dorf geführt und mir alle dazu gehörigen Geschichten erzählt. Verrückt, an was die Leute hier alles glauben. An diesem Tag hatte ich mir also alles angeschaut, was es dort in der Nähe so zu sehen gibt. Am Abend habe ich mich dann wieder mit meinen Jungs Salis und Rafiq getroffen und wir wurden in der Gemeinde zum Fufuo Essen eingeladen. So viel Fufuo wie an diesem Abend habe ich zuvor noch nie vorgesetzt bekommen. Nach dieser Stärkung sind wir dann unterm Sternenhimmel auf der breiten roten und dunklen Landstraße zurück zu unserer Unterkunft gelaufen. Den etwas längeren Marsch durch die Nacht haben wir uns mit singen und erzählen verkürzt und ich muss sagen, dass alleine dieses simple nach Hause laufen so richtig schön war.
Sehr früh am nächsten Morgen sind Salis und ich wieder zurück nach Tamale gefahren. Er hat mich bei dieser Gelegenheit mit zu sich genommen, damit ich noch einen anderen Teil von Tamale kennen lernen konnte. Er hat mich dort zu einem Chief’s House gebracht und mir alles gezeigt und erklärt. Der Chief ist so etwas wie das Oberhaupt einer Gemeinschaft und hat bis zu 10 verschiedenen Frauen, welche jeweils in ihrem eigenen kleinen Haus leben. Alle zusammen teilen sich einen Innenhof und die Kinder leben ebenfalls getrennt nach Geschlecht in eigenen Hütten. Der Chief ist die Ansprechperson für die Mitglieder der Gemeinde und löst die Probleme der Gemeinde. Wenn der Chief etwas mitzuteilen hat, wie zum Bespiel neue Bestimmungen für das Zusammenleben in der Gemeinde oder Ähnliches, dann geht einer mit einer Glocke durch die Gemeinde und informiert die Leute, dass sie sich alle beim Chief versammeln sollen. Der Chief wird von den Ältesten unterstützt und wenn er verhindert ist, vertreten diese ihn auch. Wenn man den Chief besuchen möchte, so wie ich es getan habe, dann muss man zum Zeichen des Respekts (zumindest im Norden Ghanas) Kolanüsse und etwas Geld als Geschenk bringen. Vor dem Chief wird sich immer hingehockt, was nach 20 Minuten ziemlich anstrengend werden kann. Auf jeden Fall habe ich dort alles anschauen dürfen und wurde mehr oder weniger dazu gezwungen auch ja recht viele Fotos zu machen damit meine Leute in Deutschland das Alles auch sehen können. Eigentlich war das ja ganz süß, aber ich kam mir schon recht blöde vor – Maria mit der Festtrommel, Maria auf dem Chief-Sessel mit Baby im Arm, Maria beim Banku kochen… und alle standen um mich herum und haben sich bei dem Anblick köstlich amüsiert. Naja was soll’s, sie lieben es eben zu fotografieren und fotografiert zu werden.
Später hat mich Salis auch noch zu einem Schrein in der Gemeinde geführt. Ein Schrein ist ein Heiliger Ort für die Traditionalisten und kann, wie es bei mir der Fall war, ein Hügel mit einer Baumgruppe darauf sein. Den Hügel betritt man nicht oder nur sehr selten. Der Hügel hat auch einen Gott, in meinem Fall eine große Schlange. Jegliche Schlangen, welche um den Hügel herum gesichtet werden, dürfen nicht getötet werden, auch nicht wenn sie dir gefährlich nahe kommen und dein Leben bedrohen. Übrigens sollen sich nachts die Bäume von ihren Plätzen bewegen. Salis schien das alles fest zu glauben und war ziemlich verängstigt, als wir an diesem Ort waren. Die Traditionalisten glauben an Geister, welche in einigen ihrer Gleichgesinnten leben. Die Leute mit den Geistern, werden hier unter anderem auch Jiju genannt und aufgesucht, wenn man den Schuldigen für eine Straftat sucht. Jiju findet dann den Schuldigen. Anscheinend soll man Jiju auch aufsuchen können, wenn man jemanden töten will oder Geld haben will. Meistens steht Jiju eher in negativer Verbindung und tut nur wenig gute Taten. Die von Geistern besessenen Leute verbringen manchmal auch Zauber wie zum Beispiel mehrere Eier herunter zu schlucken und sie dann wieder hervor zu bringen. Leider kam ich nicht in den Genuss dieser Zauberkunststücke und konnte nur den verrücktesten Schilderungen über Jiju lauschen. So gut wie jeder hier glaubt daran und hat auch ziemlich große Angst vor dieser Art von Zauber.
Eigentlich wäre ich gerne noch länger im Norden geblieben, doch unglücklicher Weise hatte ich mein Rückticket schon gekauft und musste abends um 6 pm meinen Bus zurück nach Accra nehmen. Die Fahrt hat insgesamt 12 Stunden gedauert und hätte mit dem Auto wahrscheinlich in nur 5 Stunden zurückgelegt werden können. So war ich also von meiner Traumreise in den Norden gegen 7 Uhr in der Früh wieder Daheim in Labadi. Anstatt schlafen zu gehen, habe ich dann gleich meine Mitbewohnerin Anna im Krankenhaus besucht. Anna lag seit Silvester mit einer üblen Darminfektion im Krankenhaus und ihre Eltern hatten schon alles Mögliche über die Botschaft angeleiert um ihr die best mögliche Hilfe zukommen zu lassen. Der Arzt hatte ihr nicht mitgeteilt was sie hatte und so richtig etwas dagegen tun, konnte auch keiner was. Zum Glück ging es ihr bald wieder besser und sie hatte sich dann nach zweiwöchiger Darminfektion wieder fast vollständig erholt. Ihr Deutscher Hausarzt meinte, dass es bis zu 2 Jahre dauern kann bis ihre Darmflora sich wieder vollständig erholt hat.
Gleich nach meiner Rückkehr bin auch ich krank geworden. Vielleicht war es eine kleine Malaria. Vorbeugend habe ich mir ein Anti-Malariamittel in der Apotheke geholt und bin in Eigenbehandlung gegangen. Im Krankenhaus hätten sie mir sowieso bloß wieder Antibiotika verabreicht. Jetzt geht es mir jedoch wieder prächtig und ich habe nun auch ernsthaft mit Salsa angefangen und versuche so oft wie möglich tanzen zu gehen. Nur mit meinem Tanzpartner habe ich leider nicht ganz so viel Glück…der Gute lässt leider jegliches Rhythmusgefühl missen und tut sich bereits mit den Grundschritten sehr schwer. Es können eben doch nicht alle Ghanaer tanzen wie die Götter.
Wie ihr also schon merkt, ist der Norden Ghanas ganz anders als der Süden. Wie einige von euch ja wissen, sollte ich zu aller erst in den Norden nach Tamale kommen und dort in einem Projekt arbeiten. Auf Grund der eher negativen Beschreibungen in meinem Reiseführer und anderen seltsamen Geschichten, hatte ich ganz schön Bammel, dort hin geschickt zu werden und war so erleichtert, als ich dann doch nach Accra gekommen bin. Im Nachhinein finde ich es sehr schade, dass ich nicht dort oben lebe. Ich hatte mir inzwischen auch überlegt, ob ich mal bei meiner Organisation einen Projektwechsel beantragen soll. Aber in dieser Sache bin ich mir noch nicht so sicher, da ich immer noch das Gefühl habe, überhaupt erst einmal wirklich etwas im OSU Children’s Home zu erreichen. Auf Grund des „weltwärts“-Programms, mit dem ich hier bin, ist ein Projektwechsel sowieso nur sehr schwer zu erreichen. Außerdem kümmert sich der ICYE Ghana nur sehr schlecht um uns freiwillige und es gab bisher schon unzählige Probleme mit der Zahlung von Essensgeld für Gastfamilien und Korruption in den Projekten. Die Partnerorganisation hier in Ghana scheint mit jedem Projekt eigene Verträge ausgehandelt zu haben und sie können uns nicht wirklich gut erklären, wo unser Geld hin fließt. In diesem Falle ist es jedoch gut, dass das meiste Geld unserer Spendenkreise in Deutschland bleibt und von dort aus verwaltet wird. Der ICYE Ghana hätte ganz dringend mal einen Personalwechsel nötig. Nächste Woche haben wir unser Halbzeitcamp, wo auch die Afrikakorrespondentin aus Deutschland hinkommen wird. Die Meisten von uns nennen das Camp jetzt bereits schon das „Fight-camp“. Ich hoffe, dass sich viele der bestehenden Probleme lösen werden.
Bei uns im Heim haben wir zwei Brüder, welche fast vollständig blind sind. Eigentlich hatte ich geplant, ein paar Spenden zu sammeln um die Beiden zu der einzigen Blindenschule hier in Ghana zu schicken. Doch als ich mit der Leiterin des Heimes darüber geredet habe, meinte sie, dass die Beiden Operationen erhalten und nicht vollständig blind sind und daher auch keine Blindenschule besuchen können. Man müsste eben abwarten, bis die Operationen anschlagen und sie eine normale Schule besuchen können. Doch wie lange wird das dauern, bis sie wieder gesund sind? Bis dahin sind sie halt immer im Heim und lernen nichts. Auch haben wir einen Jungen, der bereits 10 Jahre alt ist und noch nie in der Schule war. Er kam erst vor 3 Monaten zu uns. Die Leiterin meinte, dass er eben zu spät zu uns gekommen wäre als das neue Schuljahr schon angefangen hatte und er nun bis zum nächsten Jahr warten muss. Er ist so ein lieber, freundlicher und höflicher Junge. Wenn morgens alle zur Schule gehen, bleibt er zurück und muss das Frühstücksgeschirr aller anderen abwaschen. Das scheint mir wie eine Bestrafung. Doch nur wofür? Er möchte auch wirklich gerne lernen, nur lässt man eben nicht. Oftmals scheint es mir so, als wenn die Leute im Heim nicht wirklich am Wohl der Kinder interessiert sind.
Durch die oftmals fehlende Kooperation im Heim, habe ich vor allem in letzter Zeit das Gefühl, nicht wirklich eine Hilfe zu sein. Warum ist dort nur niemand an Hilfe interessiert? Ich muss nun wirklich mal ein richtiges Projekt in Angriff nehmen um mich auch selbst glücklich zu machen. Darüber werde ich euch auch demnächst mal berichten.
Ich drücke euch alle ganz herzlich und sende euch die aller liebsten Grüße aus dem Ghana, das eigentlich Sauna heißen sollte ;-)
Eure MARIA